Laudatio für die Volksschule Kirchberg/Kremsmünster – o. Univ. Prof. Herbert Altrichter

Drei Anmerkungen zu einer Volksschule
o. Univ. Prof. Herbert Altrichter, Johannes Kepler Universität Linz

 1. Ein Raum für das Lernen

Ein schönes altes Haus von außen, ein Mesnerhaus neben der Kirche. Wenn man eintritt, ist der erste Eindruck vom Raum zwiespältig. Ein enger Gang, der Boden eher dunkel, die Flure verwinkelt. Der zweite Eindruck ist: Schülerarbeiten an den Wänden, Ausstellungsstücke, Sessel und Tische, unterschiedliche Plätze für unterschiedliche Gelegenheiten des Lernens. Der dritte Eindruck: Die Schule lebt vor Lernen. An verschiedenen Plätzen kleine Gruppen von Schülerinnen und Schülern, die an Aufgaben arbeiten. Die uns freundlich grüßen, sich aber dann nicht weiter stören lassen. Verschiedene kleine Ecken und Räume, die geschickt für vielfältige Lernanregungen hergerichtet wurden, eine Bühne, die zugleich Sitzpodium ist, die man zusammenlegen kann und in der auch Material verstaut werden kann. Ein Druckraum, in dem Schülerinnen und Schüler erfahren können, wie sich die Gedanken ihrer Texte durch Handarbeit materialisieren. Mir fällt das nun schon reichlich abgegriffene Wort von der „Lernwerkstatt“ ein – hier passt es, es wird am Lernen gearbeitet, es wird das Lernen gelebt.

In den Klassenräumen ist zu erkennen, wie verschiedenen Unterrichtsformen – Gesprächskreis, Klassenunterricht, Partner- und Gruppenarbeit, freie Aktivitäten, Ruhe und Besinnung jeweils besondere Flächen im Raum zugeordnet sind, obwohl das Platzangebot in den Klassenzimmern ebenfalls nicht allzu groß ist. Ablageflächen für unterschiedliche Lerngegenstände, in denen sich die Kinder leicht orientieren. Ablageboxen, deren Beschriftung zeigt, dass hier Unterrichtsmaterial zu verschiedenen Themen gesammelt wird.

Es heißt, der „Raum“ wäre der „dritte Pädagoge“. In der Volksschule Kirchberg wird deutlich, dass einem dieser „pädagogische Raum“ oft nicht „geschenkt“ ist, nicht von vornherein da ist, sondern dass es auch darauf ankommt, wie sich Lehrpersonen und Kinder diesen Raum aneignen, wie sie nach und nach erkennen, wo was – Partnerarbeit oder Kinderkonferenz, Drucken oder Projektgruppe mit der Lehrerin – seinen Platz haben kann.

Ich habe einmal ein Gespräch mit dem Filmregisseur Werner Herzog gehört. Dabei wurde er gefragt, wie er denn die ästhetisch ausgewogenen Bilder in eine Reihe von Szenen, die innerhalb eines Hauses gedreht worden waren, hinbekommen hätte. Seine Antwort lautete sinngemäß: ‚Körperliches Raumgefühl’ – Ich habe die Räume selbst renoviert. Und wenn man eine Zeit hier arbeitet, weiß man nach und nach, wo verschiedene Gegenstände und Szenen ihren Platz haben.

An diese Aussage fühlte ich mich bei meinem Besuch in Kirchberg erinnert: Man merkt, dass das Haus von Kindern und LehrerInnen in Besitz genommen wurde, dass es bewohnt wird und dass seine BewohnerInnen wissen, wie es am besten für Lernen genutzt werden kann.

2. Lernen von Selbstständigkeit, Selbstverantwortung und Demokratie

„… wo Kinder mitreden und Lehrerinnen mitlernen …“ lautet ein Motto auf der Homepage der Schule. „Die Erziehung zu Selbstständigkeit und Selbstverantwortung ist [der Schule] besonders wichtig. Das beinhaltet auch, dass das Zusammenleben in der Klasse genauso wie der Unterricht von den Kindern mitgetragen und gestaltet werden sollte. Demokratisches Leben muss vorrangige und prägende Begegnungsform im schulischen Alltag sein.“

Die Jury des AK-Preises hat beeindruckt, wie konsequent und ideenreich dieser Anspruch an der VS Kirchberg verfolgt wird. Um Selbstständigkeit, Selbstverantwortung und Demokratie zu erfahren und zu lernen, gibt es eine Reihe von Institutionalisierungen, über die die Schülerinnen und Schüler bei unserem Besuch unbefangen, aber kenntnisreich Auskunft gaben. Beispielsweise einen „morgendliche[n] Gesprächskreis[, der] mit seinen Ritualen und Aufgaben […] den Rahmen und die Sicherheit im Ablauf des Schultages [gibt]. In einer „wöchentlichen Kinderkonferenz lernen die Kinder, ihre Fragen und Vorschläge zum gemeinsamen Leben und Lernen sowie ihre Sorgen und Konflikte selbst zu verhandeln.“ Das Kinderparlament, in dem sich alle 4 – 6 Wochen 8 Kinder (nämlich je zwei Abgeordnete der einzelnen Klassen), die Direktorin und eine Lehrerin treffen, ist „ein klassenübergreifendes Experimentierfeld für Demokratie–Lernen“ an dieser Schule. „Aus dem Kreis der Abgeordneten des Kinderparlamentes wurden […] Minister und Ministerinnen gewählt, die […] Verantwortung für bestimmte Bereiche innerhalb der Schulgemeinschaft“ übernehmen. Es gibt ein Sozialministerium (zuständig für Friedensprojekte, Konfliktlösung, Integration), ein Unterrichtsministerium (zuständig für gemeinsame Unterrichtsprojekte, klassenübergreifende Aktionen, Lehrmittel), ein Sportministerium (zuständig für sportliche Aktionen, Spielplatz, Sportgeräte, Pausenspiele), ein Umweltministerium (zuständig für Umweltaktionen, Projekte zum Umweltschutz, Energiesparmaßnahmen) ubnd schließlich sogar ein Finanzministerium, das ein Kinderbudget von 100 € verwaltet.

Auf einer der Podestflächen des Stiegenaufgangs steht zudem die Friedenstreppe, die den Kindern ein „Modell der selbstständigen Konfliktlösung“ bietet. „Kinder, die einen Streit haben, können zum Friedensplatz auf die Friedenstreppe gehen und dort versuchen ihr Problem in vier Schritten zu lösen. […] Kinder, die das Problem nicht alleine lösen können, bitten einen unabhängigen Friedensstifter um Hilfe. So arbeiten sie Schritt für Schritt an einer Lösung und steigen immer eine Stufe höher. Auf dem oberen Treppenabsatz angekommen, geben die beiden sich wenn möglich die Hand zur Versöhnung.“

3. Die Teile und das Ganze

Natürlich hat die Schule auch noch viele andere Merkmale, die zu einer modernen Grundschule dazugehören oder dazugehören sollten:

  • Eine Orientierung auf individuelle und ganzheitliche Förderung der Kinder,
  • reformpädagogisch qualifizierte Lehrerinnen,
  • Tages- oder Wochenpläne, Freiarbeitszeit und Projekte als Gestaltungsformen des Unterrichts,
  • Arbeit am Computer,
  • „Leistungsbeurteilung in Form einer umfassend mündlichen Information mit Portfolio bzw. Beurteilungsmappe“, die Leistungserziehung ohne Notenbeurteilung anstrebt, und
  • eine integrative Pädagogik, die „eine Schule für Kinder mit besonderen Bedürfnissen, für Kinder mit besonderen Begabungen, für Kinder mit einer anderen Muttersprache als Deutsch, für Kinder mit Problemen im sozialen Umgang und alle anderen Kinder mit ihren unterschiedlichen Vorerfahrungen und Kenntnissen“ anstrebt – ein Anspruch, der schließlich auch daran erinnert, dass die Schule in einem Einzugsgebiet arbeitet, dass nicht ohne Herausforderungen ist.

So Vieles Bekanntes, selbst Erfundenes und offenbar aus den besonderen Bedingungen und Möglichkeiten der Kinder, der Lehrpersonen, des Schulhauses und seiner Umgebung Entwickeltes. So Vieles – und das ist die eigentliche Überraschung – so Vieles, und doch nicht überladen.

Ich muss zugeben, dass ich – als ich einmal vor längerer Zeit die Leiterin der Schule bei einem Fortbildungskurs hörte – dachte: Viele gute und überzeugende Ideen, aber ist das alles machbar? Kann „Vieles richtig machen“, nicht auch „falsch“ sein, weil es für alle Beteiligten sehr stressig ist?

Der Besuch in Kirchberg hat gezeigt: Eine arbeitsame, aber ruhige, gelassene Atmosphäre in der ganzen Schule. SchülerInnen als Lernprofis, die wissen was sie tun und sich dafür Zeit nehmen. PädagogInnen als Lehrprofis, die am Küchentisch des Lehrerzimmers zusammensitzen und sich etwas zu sagen haben. Offenbar gelingt es, die vielen Ideen und Instrumente des Lernens nicht bloß nebeneinander zu zelebrieren, sondern sie in den Lernalltag zu integrieren, sich ihrer recht selbstverständlich zu bedienen, diese Teile zu einem oft gut zusammenpassenden Ganzen zu machen, das auch im Schulalltag der VS Kirchberg lebbar ist.

„Wo kämen wir hin
wenn alle sagten
wo kämen wir hin
und niemand ginge
um einmal zu schauen
wohin man käme
wenn man ginge“

sagte der Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti. Die SchülerInnen und LehrerInnen der VS Kirchberg schauen jedenfalls, wo sie hinkommen, wenn sie gehen. Das hat die Jury des heurigen AK-Schulpreises beeindruckt. Ihre Entscheidung war einstimmig.
Ich gratuliere den SchülerInnen und Lehrerinnen der VS Kirchberg sehr herzlich.